Die Praxis des Raja Yoga I (Einführung)
Die Yoga-Sutra von Patanjali ist nicht nur philosophisch-psychologischen Erörterungen gewidmet, sondern zeichnet einen klaren Weg und zeigt konkrete Mittel und Techniken, um zum Ziel unseres spirituellen Strebens zu gelangen. In vierzig Sutras wird der als Ashtanga Yoga bekannte achtstufige Weg beschrieben, von Sutra 2,27 bis Sutra 3,11. Er wird häufig oberflächlich und vereinfacht betrachtet, doch enthüllt er erst dann seine volle Kraft und Weisheit, wenn man sich alle Zusammenhänge in der Tiefe bewusst macht.
Die acht Stufen des Ashtanga Yoga lauten:
1. Yama, die Verbote
2. Niyama, die Gebote
3. Asana, die Körperstellung
4. Pranayama, die Atmung
5. Pratyahara, das Zurückziehen der Sinne
6. Dharana, die Konzentration
7. Dhyana, die Meditation
8. Samadhi, der überbewusste Zustand.
Die Reihenfolge der acht Stufen ist eine philosophische, keine technisch-programmatische: Eine Stufe führt automatisch zur nächsten, was jedoch nicht bedeutet, dass man eine Stufe nach der anderen zu üben hat und beispielsweise nach drei Jahren Praxis der ersten Stufe sich nun zur zweiten weiter bewegt. Beim Praktizieren sind stets alle Stufen in unterschiedlicher Weise präsent.
Wir können die acht Stufen in drei Hauptgruppen unterteilen:
1. Der Alltag - Stufe 1 und 2
2. Die Übungspraxis / äußerer Teil - Stufe 3, 4 und 5
3. Die Übungspraxis / innerer Teil - Stufe 6, 7 und 8
1. Gruppe – Die Stufen 1 und 2
Der Weg zu Samadhi beginnt noch vor der eigentlichen Meditation - er beginnt im Alltag. Es ist leicht einzusehen, dass die Weise, wie wir unseren Alltag verbringen, wie wir mit Menschen, Umständen und uns selbst umgehen, die Qualität unserer Meditation in entscheidender Weise beeinflusst.
Wir können die Logik des Aufbaus der ersten beiden Stufen anhand der Gunas verdeutlichen. Die Gunas sind eine Art Schwingungsmuster, das in uns wirksam ist und das sich, je nach dem, welche Guna vorherrschend ist, auf unterschiedliche Weise äußert. Die meditative Übung ist wie ein Fahrzeug, das nur mit dem allerbesten, feinsten Treibstoff funktioniert - und dieser Treibstoff heißt Sattva. Wenn du versuchst, in einem tamasigen oder rajasigen Zustand zu meditieren, so wirst du die Übung bald enttäuscht abbrechen.
Dies wissend, liegt es für den ernsthaft Praktizierenden nahe, zunächst seine Gunas in Ordnung zu bringen. Dies geschieht durch die ersten beiden Stufen des Ashtanga Yoga, durch die Verbote und Gebote.
Während sich die Verbote (1. Stufe) darauf konzentrieren, Tamas- und Rajas-Schwingungen zu reduzieren, zielen die Gebote (2. Stufe) speziell darauf ab, Sattva zu erhöhen. Wenn du dich auf diese Weise „sattvifiziert“ hast, kann die meditative Übung beginnen.
2. Gruppe – Die Stufen 3, 4 und 5
Diese Gruppe besteht aus jenen Elementen, die die äußere Voraussetzung für die Meditation bilden - hier werden immer feinere Ebenen unseres Wesens kontrolliert. Dieses Kontrollieren bedeutet, dass wir Schicht für Schicht unseres Wesens aus ihrem natürlichen Feld des Wahrnehmens, Bewegens und Handelns herausschälen und in einen bewussten vorübergehenden Verzicht auf die „menschliche Form“ der ständigen Veränderung führen. Die Ebenen, um die es hier geht, sind der Körper, das Prana und die Sinne.
Die 3. Stufe, Asana, bedeutet, dass du in absoluter Unbewegtheit und Entspanntheit deinen Körper soweit unter Kontrolle hast, dass du ihn nicht mehr wahrnimmst - er gleitet aus deinem Wahrnehmungsspektrum heraus, du wirst vorübergehend zu einem körperlosen Wesen.
Die 4. Stufe, Pranayama, darf nicht mit den Hatha-Yoga-Pranayamas gleichgesetzt werden. Pranayama bedeutet hier, dass nach dem physischen Körper (annamaya kosha) auch unser Prana (pranamaya kosha) in einen vollständigen Ruhezustand geführt wird. Dieser äußert sich im meditativen Stillstehen der Atembewegung, das man Kevala Kumbhaka nennt.
Die 5. Stufe, Pratyahara, ist das Zurückziehen der Sinne. Wenn Prana beherrscht wird, entsteht Pratyahara natürlich und spontan. Auch wenn etwa Geräusche an das Ohr dringen - das Gehirn hat die Funktion „Sinneswahrnehmung“ abgeschaltet.
Stellen wir uns nur vor, welche tiefe Stille nun im Geist herrscht! Jetzt können wir zu den inneren Stufen, den „Antar-Angas“ weiter schreiten.
3. Gruppe - Die Stufen 6, 7 und 8
Diese drei Stufen, die gemeinsam als Samyama bezeichnet werden, bilden das machtvollste Werkzeug des Yoga. Der vollkommen konzentrierte Geist ist zu für unsere Begriffe übermenschlichen Leistungen imstande, wie im 3. Abschnitt der Yoga-Sutra beschrieben wird.
Der Geist ist nun so still geworden, dass es ein leichtes ist, ihn wie einen Laserstrahl auf das Objekt der Konzentration zu richten - diese Stufe wäre die Fortsetzung der vorangegangenen insofern, als dass letztere Körper, Prana und die Sinne zu kontrollieren suchten und Dharana, die Konzentration, den Geist unter Kontrolle bringt.
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