Die 6 Kriyas
Die durch den klassischen Hatha-Yoga erzielte Reinigung und Stärkung des menschlichen Körpers hat keine Parallele. Der durch diese Techniken entwickelte Körper ist wie ein Kristall, voll höchster Reinheit, Helligkeit und Klarheit - er wird in den Schriften auch als „diamantener Körper“ bezeichnet. Es ist verständlich, dass durch diese vollkommene Läuterung des physischen Körpers auch die Grundlage einer geistigen Klarheit und Reinheit entsteht, beziehungsweise, dass diese die Grundlage für die Vollkommenheit des physischen Körpers bildet.
Eine Gruppe von Hatha Yoga-Techniken hilft, tiefliegende pranische Muster zu reinigen und zu klären, während sie von den meisten Menschen als rein physische Reinigungstechniken betrachtet werden. Es handelt sich um die „sechs Handlungen“, die Shatkriyas.
Der Begriff „Kriya“ stammt von der Sanskritwurzel Kri ab. Er bedeutet Handlung, rituelle Handlung oder Übung. Es gibt jedoch zwei Klassen von Kriyas, welche leider oft vermischt werden:
1. Die sechs Gruppen von Reinigungsübungen des Hatha Yoga - um diese Übungen geht es in diesem Kapitel.
2. Die Kriyas, die von Yogananda und von Satyananda gelehrt werden, sind fortgeschrittene Kundalini-Yoga-Techniken, die nichts mit den sechs Reinigungsübungen zu tun haben.
Die Hatha Yoga Pradipika beschreibt sechs Gruppen von Reinigungsübungen, die nur oberflächlich gesehen physische Übungen sind. Tatsächlich wirken sie primär auf den Astralkörper, indem sie Chakras stärken, Nadis von Blockaden befreien und die Qualität des Prana verbessern.
„Jemand mit schlaffem und phlegmatischen Naturell sollte zuerst die sechs Handlungen durchführen. Andere, bei denen die drei Körpersäfte - Wind, Galle und Schleim - im Gleichgewicht sind, sollten das nicht tun.“ (HYP 2,21)
Wieder werden hier die drei ayurvedischen Konstitutionstypen, Vata (Wind), Pitta (Galle) und Kapha (Schleim), angesprochen, deren Gleichgewicht für unsere körperlich-geistig-seelische Gesundheit von größter Bedeutung ist. Diese Energiequalitäten werden durch die sechs Reinigungstechniken ausbalanciert. Wenn sie sich in vollkommenem Gleichgewicht befinden, was man an strahlender Gesundheit, dem Gefühl von Leichtigkeit und geistiger Klarheit erkennen kann, ist keine Notwendigkeit mehr vorhanden, diese Techniken durchzuführen, ja Swatmarama rät uns in diesem Fall sogar von ihnen ab.
Wie die anderen intensiven und tiefgehenden Techniken des Yoga sollte man auch die Praxis der Shatkarmas vor Unberufenen geheim halten. Mit Gleichgesinnten und dem eigenen Lehrer kann man natürlich darüber sprechen.
Die sechs Kriyas sind:
1. Dhauti: Dies ist eine recht umfangreiche Gruppe von Reinigungsübungen, die sich auf den Kopfbereich und den oberen Teil des Verdauungssystem konzentrieren;
2. Basti: Hier wird der untere Abschnitt des Verdauungssystems bzw. der Ausscheidungstrakt gereinigt;
3. Neti: Die kleine Gruppe der Neti-Übungen reinigt auf physischer Ebene die Nase, auf energetischer Ebene aber das Ajna Chakra;
4. Tratak: Äußerlich werden hier die Augen beansprucht, aber was durch Tratak wirklich gestärkt wird, ist abermals das Ajna Chakra, was mit der für Tratak erforderlichen Konzentration in engem Zusammenhang steht;
5. Nauli: Die Rotation der verschiedenen Bauchmuskelstränge wirkt ähnlich wie die kundalini-erweckenden Asanas auf das Energiezentrum des Körpers, Manipura Chakra;
6. Kapalabhati: Zumeist zu den Pranayamas gezählt, reinigt dieser „Feueratem“ nicht nur das Atemsystem, sondern Ajna und Manipura Chakra, sowie, wie die anderen Reinigungsübungen, die energetische Ebene der drei ayurvedischen Doshas.
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