Pranayama und Kumbhaka
Pranayamas sind überaus mächtige Techniken, die das gesamte Wesen des Menschen zu beeinflussen vermögen. Sie üben durch Manipulation der Atembewegung direkten Einfluss auf die Lebensenergie und damit auf unseren Geist, auf Denken, Gefühle und Wahrnehmungen aus.
Man kann zwei Ebenen der Pranayama-Praxis unterscheiden:
1. Auf der Ebene der Reinigung und der Vorbereitung des Atemsystems wird die Grundlage für die Hauptübungen gelegt. Hier wird der Atem sanft verlangsamt und das Atemsystem an Phasen des Luftanhaltens gewöhnt. Die Atemhilfsmuskulatur (Zwerchfell, Zwischenrippen- und Bauchmuskeln) werden gestärkt, allmählich entsteht eine verfeinerte Wahrnehmung in Bezug auf das Prana und die Atembewegung. Die Haupttechnik auf dieser Ebene ist die Wechselatmung.
2. Fortgeschrittenes Pranayama stellt wesentlich höhere Anforderungen an den Übenden, sowohl was die Atemkapazität, die Körperbeherrschung, die Achtsamkeit, als auch den Einsatz beim Üben anbelangt. Die Phasen des Luftanhaltens werden länger und man nähert sich der Grenze der eigenen Leistungsfähigkeit. Die Energiesperren, die Bandhas werden eingesetzt, was zu einer wesentlichen Intensivierung der gesamten Übung führt.
Auch die Zielsetzung in Bezug auf Prana der beiden Übungsniveaus ist unterschiedlich: Während die vorbereitenden Übungen die Erhöhung, Balancierung und Lenkung des Prana und das Reinigen der Energiebahnen zum Ziel haben, konzentrieren sich die fortgeschrittenen Übungen primär auf die Qualität des Prana, das hier zu Kundalini shakti umgewandelt werden soll.
Diese Transformation des Prana zu spiritueller Energie verändert unmittelbar die geistige und psychische Ebene; unsere Erfahrung und Wahrnehmung wird verwandelt, die Einstellung zu vielen Dingen verändert sich, man erfährt ein deutliches Ansteigen des Energieniveaus und gleichzeitig fühlt man sich zentriert und fest in seiner Mitte ruhen.
Eine neue Ebene der Wahrnehmung beginnt sich zu öffnen - die Intuition wird erweckt und man weiß Dinge, die einem keiner gesagt hat, erkennt Zusammenhänge, ohne sie beschreiben zu können und fühlt Dinge, die man eigentlich gar nicht fühlen kann...
Allein Pranayama vermag so viel Energie aufzubauen, dass jede Krankheit im Ansatz zerschmettert wird. Allein Pranayama vermag Gedanken und Gefühle zu verwandeln; durch Pranayama werden alle psychischen / übernatürlichen Kräfte der Yogis und Fakire ermöglicht. Wer Prana beherrscht, beherrscht nicht nur seinen Geist, sondern auch die Materie.
Swami Vishnu-Devananda: „Ihr werdet euch leicht fühlen, so als würdet ihr schweben. Und es ist da eine Ausstrahlung - die Haut, das Gesicht und die Augen werden strahlen und funkeln. Und der Geist ist sehr sanft und friedlich. Das ist ein Zeichen, dass die Nadis gereinigt sind.“
„Das grundlegende Prinzip des Yoga ist, dass der Ursprung der Gedanken einerseits und der vitalen Energie andererseits ein- und derselbe ist. Mit anderen Worten: der Atem, die Vitalenergie, der physische Körper und auch der Geist sind nichts anderes als Formen von Prana oder Energie. Wenn du also eines von diesen Elementen effektiv kontrollieren kannst, so hast du auch die anderen unter Kontrolle. Yoga strebt die Kontrolle der Manolaya (geistige Ebene) durch Pranalaya (Prana-Ebene) an, und dies wird durch die Praxis von Pranayama erreicht.“
Ramana Maharishi
Die Bedeutung des Kumbhaka
Kumbhaka bedeutet Anhalten der Luft. Dies kann mit voller (antar kumbhaka) oder leerer (bahir kumbhaka) Lunge durchgeführt werden. Der Wert des Luftanhaltens im Pranayama liegt darin, dass Prana während dieser Phase vom Körper besser aufgenommen werden kann. Es ist ähnlich dem physischen Verdauungsprozess, der durch eine Phase der Ruhe und Entspannung besser ablaufen kann. Auch kann der Gasaustausch in der Lunge und in den Körperzellen effektiver stattfinden.
Ein weiterer Grund für die Kumbhaka-Phasen liegt in der Verbindung des Atemsystems mit dem Nervensystem. Die Reduktion der Nervenimpulse, die vom Atemsystem ausgehen, führt zu einer meditativen Grundhaltung, welche den Geist für ein erweitertes Feld der Wahrnehmung öffnet.
Ein Haupteffekt des Kumbhaka ist es, das Nervensystem an einen höheren CO²-Gehalt zu gewöhnen. Dies scheint widersprüchlich, wenn man Pranayama als eine effizientere Art zu atmen betrachtet.
Auf spiritueller Ebene jedoch führt ein erhöhter CO²-Gehalt im Blut zu tiefer Entspannung und schließlich zu veränderten Bewusstseinszuständen, was meditative Übungen sehr begünstigt. Im negativen Fall können jedoch Desorientierung und Halluzinationen entstehen, wenn man Pranayama ohne entsprechende Vorbereitung und mit vorzeitig hoher Intensität betreibt.
Im Gehirn liegen viele Blutgefässe brach; sie werden nur bei größerem Blutbedarf eingesetzt. Erhöhter CO²-Gehalt im Blut führt zu einer Dehnung der Blutgefässe im Gehirn und zum Öffnen der brachliegenden Kapillaren, um die Sauerstoff-Versorgung des Gehirns zu gewährleisten. Auch diese Wirkung trägt zu einer Erweiterung und Öffnung der Gehirn-Kapazität und zu einer Bewusstseins-Erweiterung bei.
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