Der Baum und das Gras

Es war einmal ein großer Baum mit einem mächtigen Stamm und einer gewaltigen Krone. Schon von weitem konnte man diesen Baumriesen sehen, wie er seine gewaltigen Arme in den Himmel streckte. Er war auch sehr stolz auf sich und seine Größe und er blickte ein wenig mitleidig auf das Gras zu seinen Füßen, er, der Herr des Waldes.

Das Gras blickte staunend zu dem mächtigen Baum empor, hörte das Rauschen des Windes in seinem Laub. Das Gras war weich und biegsam und rauschte auch im Wind, aber viel, viel leiser.

Ein Sturm kam auf, und der Wind verfing sich in den Ästen und Blättern des Baumriesen, der mit aller Kraft seiner Wurzeln gerade noch standhielt, aber schon schwer zu kämpfen hatte. Das Gras bog sich bis zur Erde, und der Wind wurde immer stärker.

Dann kam eine plötzliche Windbö, es gab ein Krachen, das ebenso gewaltig war wie der stolze, hohe Baum, und langsam neigte sich der Riese, entwurzelt, zersplittert, ein Bild der Niederlage und der Zerstörung.

Der Sturm legte sich bald, und das Gras begann sich langsam aufzurichten, während der Regen sanft auf den Halmen abperlte.

Ein Mensch, der sein Ego losgelassen hat, ist wie das kleine, bescheidene und anpassungsfähige Gras in dieser Geschichte, oder wie ein Laubbaum, der im Herbst seine Blätter fallen lässt, um den Stürmen im Herbst und Winter weniger Widerstand entgegen zu setzen: Dieser Mensch wird von den Stürmen des Schicksals weniger geschüttelt als der stolze, eingebildete Mensch, dessen Ego leicht zu verletzen ist.

Aus "Die spirituelle Schatzkiste"